WR-Kommentar zu den weltweiten Protesten gegen die Mohammed-Karikaturen
Westfälische Rundschau: WR-Kommentar zu den weltweiten Protesten gegen
die Mohammed-Karikaturen
Ein Bilderstreit eskaliert. Muslime demonstrieren in aller Welt,
Botschaften werden gestürmt, Menschen entführt, Todesdrohungen
verkündet. Die Scharfmacher haben sich des Konflikts um die
Mohammed-Karikaturen bemächtigt - und das macht ihn so gefährlich.
Warum gehen tausende Frauen im Jemen auf die Straße, die
mutmaßlich kaum je von dem Land gehört haben, in dem die umstrittenen
Zeichnungen zuerst erschienen sind? Auch die gewalttätigen
Demonstranten in Indonesien oder im Gaza-Streifen haben die
Karikaturen vermutlich nie gesehen. Sie wurden aufgehetzt von jenen,
die eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Westen suchen. Sie
lassen sich aufhetzen, weil Armut und der Mangel an freier
Information für radikale Klischees empfänglich machen. Mohammed, der
Irak-Krieg, Israel - die unheiligen Krieger an der Propagandafront
rühren skrupellos alles ineinander, was die Lage explosiver macht.
Demokratische Staaten müssen sich einen solchen Kulturkampf aber
nicht aufzwingen lassen. Man muss keine Mohammed-Karikaturen
nachdrucken, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Wer nur um der
Provokation willen provoziert, setzt sich zumindest dem Verdacht aus,
auch aus Lust am spektakulären Effekt zu handeln. Diese Zeitung würde
nicht ohne zwingenden Anlass die religiösen Gefühle ihrer Leser
verletzen - seien sie Protestanten, Katholiken oder Muslime.
Gleichwohl muss jedermann akzeptieren, dass religiöse
Vorstellungen einzelner niemals den Lebensstil aller dominieren
können. Muslime müssen hierzulande akzeptieren, dass Pressefreiheit
oder Gleichberechtigung unverhandelbar sind. Aus derselben Einsicht
ertragen Katholiken, dass der Staat sich über die Ansicht des Papstes
hinwegsetzt, wenn es um Abtreibung oder Empfängnisverhütung geht.
Dieses Prinzip hat bislang - bei allen Problemen - erstaunlich gut
funktioniert. Unsere Verfassung lebt von innerer Liberalität. Sie
bedarf keiner Zuspitzung. Sie ist wehrhaft genug, Fundamentalisten
jeglicher Herkunft die Stirn zu bieten.
Quelle: Presse Westfälische Rundschau