Thomas überprüft auch im Urlaub seine geschäftlichen E-Mails und gibt seinen Angestellten genaue Arbeitsanweisungen. Nicole verlässt ihre Wohnung nur, wenn sie sauber ist und alle Sachen ordentlich an ihrem Platz liegen. “Gegen ein gewisses Maß an Organisation und Ordnung gibt es nichts einzuwenden”, sagt Psychotherapeutin Irmtraud Tarr.
Die Grenzen zwischen harmlosem Spleen, hohem Kontrollbedürfnis und krankhaften Zwängen sind fließend. “Doch auch Menschen, die nur einen bestimmten Lebensbereich stark kontrollieren wollen, fühlen sich davon schon getrieben”, berichtet die Therapeutin. Denn durch andauerndes Arbeiten und Organisieren auf diesem Gebiet bleibe ihnen kaum Zeit für sich selbst, zum Beispiel für eigene Gefühle oder Entspannung. “Dies spiegelt sich oft in einer angespannten Körperhaltung wider”, sagt Tarr. Häufig hätten Betroffene auch Rückenschmerzen, Nackenverspannungen oder Magen-Darm-Probleme.
“Das stark kontrollierende Verhalten stresst nicht nur den Menschen selbst, sondern auch seine Umgebung”, sagt Matt Galan Abend, Psychotherapeut mit Schwerpunkt Persönlichkeitsentwicklung. Wer beispielsweise seinen Ehepartner oder Mitarbeiter stark kontrolliere, setzt sie unter Druck. Nicht selten reagieren diese verärgert oder ziehen sich zurück. “Das ist wie bei einem nassen Stück Seife”, erläutert Abend, “je fester ich zupacke, desto eher entgleitet es mir”.
Deshalb sollte man sich bewusst bemühen, die Verantwortung für bestimmte Dinge abzugeben und anderen Menschen zu vertrauen. “Man muss sich immer wieder klar machen, dass niemand im Besitz der Wahrheit ist und sich alle Dinge auf viele Arten bewältigen lassen”, sagt Abend. Nur wenn man Alternativen und Fehler zulasse, könne man kreative Lösungen finden und sich weiterentwickeln. Dadurch würde das Leben wieder lebendiger und letzendlich auch leichter.
“Von der Kontrolle sind meist Lebensbereiche betroffen, die einem besonders am Herzen liegen oder in denen man besonders unsicher ist”, sagt Tarr. Durch kleine Unterlassungen könne man herausfinden, welche Gefühle das Loslassen auslöse. Häufig kämen dabei fast vergessene Empfindungen zum Vorschein. “Jemand, der seinen Partner stark kontrolliert, erinnert sich zum Beispiel an den Schmerz, den er als Kind bei der Scheidung der Eltern empfunden hat”, berichtet Tarr. In einer Kosten-Nutzen-Analyse sollte man dann herausfinden, wie viel Energie man in das Kontrollverhalten steckt und ob sich dies wirklich lohnt.
Die Psychotherapeutin vergleicht den Wunsch nach Kontrolle mit einer Sucht. “Wie bei der Entwöhnung von einer Droge sollte man sich kleine Schritte vornehmen”, empfiehlt Tarr. Wer Wert auf eine makellose Wohnung lege, könne zum Beispiel einen Raum ein paar Tage nicht putzen. “Dafür braucht man anfangs viel Disziplin, aber schon in einigen Wochen lassen sich neue Gewohnheiten schaffen”, sagt Tarr. Meist würde man merken, dass man durch das neue Verhalten Zeit für sich gewinnen kann und innerlich ruhiger wird.
Gerade in der Phase der Umgewöhnung kann ein gewisses Maß an Abstand zum eigenen Verhalten nützlich sein. “Dabei sollte man auf seine eigene Handlungen schauen wie auf die eines Fremden”, sagt Abend. In bestimmten Situationen helfe es, wenn man von sich selbst in der dritten Person rede. So könne man sich beispielsweise sagen “Thomas, was machst du da gerade? Du hattest doch beschlossen, im Urlaub keine E-Mails abzufragen”.
Unter Umständen können wohlgesinnte Menschen den Kontrollfreak unterstützen. “Ungewohntes Verhalten probiert man am besten in einem geschützten Raum aus, etwa bei Freunden oder in der Familie”, sagt Tarr. Diese sollte man auch um ein Feedback auf das eigene Verhalten bitten. “Sind sie selbst von der Kontrollsucht betroffen, können sie auch Bescheid geben, wenn sie sich eingeschränkt fühlen”, empfiehlt die Therapeutin.
In stressigen Situationen sollte man sich möglichst auf den Augenblick konzentrieren. “Unter Druck werden viele Kontrollsüchtige von Katastrophenfantasien gelähmt”, berichtet Tarr. Die Angst und der innere Druck ließen aber nach, wenn man nur die Aufgaben erledige, die im Moment anliegen. “Ich empfehle ´mentales Judo´ zur Bewältigung von Problemen”, sagt die Expertin: Schwierigkeiten im Leben seien unvermeidlich, doch sollte man ihnen möglichst entspannt entgegensehen und flexibel auf sie reagieren. (ddp)