Merkel im Medienschatten
Alle reden in diesen Tagen über die Memoiren von Alt-Kanzler Gerhard Schröder. Am Dienstag gab es die Gelegenheit, endlich auch mal wieder über das Wirken der amtierenden Kanzlerin zu reden. Anlass war die Vorstellung des Buchs “Merkelland - Wohin führt die Kanzlerin?” von Richard Meng, Vize-Chefredakteur der “Frankfurter Rundschau”.
Sommer, der eigentlich über die Kanzlerin reden sollte, sah sich vor diesem Hintergrund genötigt, zunächst einmal Schröders “Dolchstoß-Legende” zurückzuweisen. Im Verhältnis zwischen der SPD und den Gewerkschaften sei unter Schröder in der Tat “viel kaputt gegangen”, räumte der DGB-Chef ein. In der Diskussion über die Agenda 2010 habe er eine “tiefe Zäsur” mit Schröder erlebt. Man überschätze aber die Macht der Gewerkschaften, wenn man meine, diese könnten den Sturz eines Kanzlers betreiben, betonte Sommer. Aber natürlich habe er Verständnis dafür, wenn jemand versuche, “sein Bild für die Geschichte zu zimmern”.
Vom Buch über die Kanzlerin war der DGB-Chef dagegen sichtlich angetan. “Ich empfehle Ihnen wirklich, das Buch zu lesen”, riet Sommer seinen Zuhörern. Es handele sich hierbei um eine “einfühlsame Beschreibung des Politikbetriebs”, die auch den “Machtpragmatismus” von Angela Merkel treffend beschreibe. Vor allem freue ihn aber, dass ihm Sätze wie dieser erspart blieben, sagte Sommer und zitierte genüsslich eine Passage aus den Schröder-Memoiren, die einen Sonnenuntergang vor dem Kanzleramt beschreibt. Womit er wieder beim Alt-Kanzler war.
Bei so viel Schröder wurde Mengs erste Bilanz der Kanzlerschaft Merkels fast zur Nebensache. Der Journalist stellt der Kanzlerin in seinem Buch ein ernüchterndes Zeugnis aus. Merkel habe bislang nicht deutlich gemacht, wohin sie das Land führen wolle, moniert Meng. Es gebe “viel Staatsklempnerei”, aber wenig Gefühl dafür, “dass Politik Ziele braucht”. In der Innenpolitik herrschten “Ratlosigkeit und Wurschtelei”, die außenpolitischen Auftritte der Kanzlerin würden überschätzt. Für Meng entscheidet sich der Erfolg von Merkels Kanzlerschaft am Ende an der Frage, ob Merkel in der Lage sei, als politische Führungsfigur ein “Ausdruck von Gesellschaft” zu werden. Dies, so Meng, sei Schröder und seiner rot-grünen Regierung zumindest zeitweise gelungen. (ddp)